Wirtschaft zum Schlachthof in VS-Villingen


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Ein Weltmeister in Villingen

Es liegt am natürlichen Lauf des Lebens, dass ein Mensch jenseits der achtzig immer weniger Bekannte seines Jahrgangs trifft. Deshalb freute sich Herbert Schroff wie ein Schneekönig, als ihn gestern ein alter Kumpel besuchte, der genauso alt ist wie er: Ottmar Walter, 83, Spieler in jener Elf, die 1954 das "Wunder von Bern" vollbrachte. Herbert Schroff, das Urgestein aus Villingen und Ottmar Walter, der großartige Fußballer aus Kaiserslautern - was wurde da in Erinnerungen geschwelgt, alte Zoten hervorgekramt, geflachst, gegessen (Tafelspitz und Kalbsragout), getrunken und gelacht! Die alte Männerfreundschaft lebte wieder auf, eine Freundschaft, die schon seit mehr als vier Jahrzehnten besteht.

Komischerweise war in den Männergesprächen fast nie von Ottmar selbst die Rede, sondern nur von seinem Bruder Fritz Walter und von Sepp Herberger, dem Übervater der Weltmeister-Elf. Da wurden die schwarzen Katzen wieder lebendig, die Nonnen und Leichenwagen, die der abergläubische Fritz auf dem Weg ins Stadion als Unheil verkündende Botschaften deutete. Und immer wieder Herbergers markige Sprüche, mit denen er seine Spieler anpackte. "Wenn ich eine Einladung zu einem Länderspiel bekam, stand in dem Brief immer nur der eine Satz: Ottes, mache se sich fit", beschreibt der einstige Stürmer sein Verhältnis zum "Chef".

Dass Ottmar Walter nur wenig von sich selbst spricht ("Da gibt es nichts zu erzählen"), verwundert nicht, wenn man ihn kennen lernt. Bescheiden, zurückhaltend, sich nie in den Vordergrund drängend. Diesen Job überließ er anderen nach dem Triumph von Bern. Ottmar Walter taugte nicht für Legendenbildung. Der Mann hatte seine Stärken am Ball und nicht im Scheinwerferlicht der Promis. "Ich habe nur meine Pflicht getan, für die anderen mitgearbeitet und war immer in Bewegung", beschreibt der Pfälzer seine Rolle. Von seinen vier Toren, die er bei der WM in der Schweiz schoss, und von seinen 336 Treffern, die er in 321 Spielen für den 1. FC Kaiserlautern erzielte, spricht er nicht. Er lächelt nur, wenn er jene Zahlen hört, die er selbst am besten kennt. "Ich war beidfüssig und kopfballstark. Das war der Grund für meine Treffsicherheit."

Obwohl Ottmar Walter immer im Schatten seines berühmten Bruders stand und dies auch neidlos akzeptierte, hatte er dem damaligen Kapitän eines voraus. "Er hat immer früh resigniert. Wenn Fritz vorschnell den Kopf hängen ließ, habe ich ihn wieder aufgebaut." Blind haben sich die Walter-Brüder auf dem Platz verstanden. "Wenn Fritz gerufen hat, wusste ich sofort, in welche Richtung es ging."

Seinen Spezi Herbert hat Ottmar Walter in der Prominenten-Elf kennengelernt, die sich die einstige Villinger Weltfirma SABA während ihrer Blütezeit leistete. Damals spielten fast alle Weltmeister von 1954 in dieser Mannschaft, die von Schroff "gemänätscht" und von Herberger betreut wurde. Von dessen Frau Eva gibt Schroff die nächste Zote zum Besten. "Das Ev'chen hat mich früher nur Herr Schrott genannt." Gelächter, während im Villinger Gasthaus "Schlachthof" Dessert samt Kaffee serviert wird.

Was anschließend folgt, beeindruckt Ottmar Walter sichtlich: das Bildarchiv, das sein Freund Herbert in all den Jahren zusammengetragen hat. Auch da wurden sie wieder lebendig, die Helden von Bern, von denen nur noch drei am Leben sind: Horst Eckel, Hans Schäfer - und Ottmar Walter. Jener Mann, der so wichtig war im Team von Herberger, jener Fußballer, der mit drei Granatsplittern im Knie ("eine alte Kriegsverletzung") Tore am Fließband erzielte, jener Weltmeister, der gestern zu Besuch in Villingen war.

Von Werner Feisst

Südkurier, 15.06.2007

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Zwei, die sich viel zu erzählen haben: Ottmar Walter (rechts) aus der WM-Elf von 1954 zu Besuch bei seinem alten Freund Herbert Schroff in Villingen.